Titelaufnahme

Titel
Die Bindegewebsmassage als physiotherapeutische Intervention bei progressiver systemischer Sklerose.
Weitere Titel
Connective tissue massage as a physiotherapeutic intervention in patients with systemic sclerosis.
VerfasserPlank, Andreas
GutachterAugesky-Stocker, Doris
Erschienen2014
Datum der AbgabeMai 2014
SpracheDeutsch
DokumenttypBachelorarbeit
Zugriffsbeschränkung
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Klassifikation
Zusammenfassung (Deutsch)

Die systemische Sklerodermie ist eine komplexe fibrosierende Systemerkrankung, bei der neben der Haut auch innere Organe in unterschiedlichem Ausmaß befallen werden.

Mikrovaskuläre Veränderungen, Störungen der Immunmodulation und eine Überproduktion sowie Ablagerung von Kollagen sind zentrale Pathomechanismen, die zu einer frühen Entzündungsreaktion führen. Anhand bestimmter Klassifikationskriterien wird zwischen Sklerodermie mit limitiertem und diffusem Hautbefall unterschieden. Beim letzterem steht vor allem der Organbefall mit schlechter Prognose im Vordergrund.

Als frühes Symptom der Sklerodermie zeigen sich die Durchblutungsstörungen der Finger, hervorgerufen durch Vasospasmus der Arteriolen und fehlender Vasodilatation. In Folge der Gefäßzerstörung durch Hypoxie kommt es zu proliferativen Ereignissen durch Fibroblasten. Dieser Pathomechanismus tritt sowohl in der Peripherie als auch in den Organen auf. In der Lunge (z.b. pulmonale Hypertonie), im Herz (z.b. Myokardfibrose) und in den Nieren (z.B. renale Krise) entwickelt sich infolge dessen ein pathologisches Bild.

Die kausalen therapeutischen Optionen sind äußerst limitiert. Sowohl medikamentöse Therapie (v.a. vasoaktive Medikamente) als auch physikalische und physiotherapeutische Interventionen erzielen Erfolge in der Behandlung der Symptome. In der Physiotherapie wurde zum Beispiel ein positiver Effekt der Lymphdrainage bei Hautbefall mit einer randomisierten Kontrollstudie bewiesen. Andere Interventionen im Bereich der Atemphysiotherapie und faciooralen Therapie finden auch Anwendung bei diesem Krankheitsbild.

Die Bindegewebsmassage wird ebenfalls in der Forschung diskutiert und in dieser Arbeit mit dem Krankheitsbild der Sklerodermie in Verbindung gebracht. Es existieren zwei aktuelle Studien, die den Effekt der BgM mit anderen PT-Techniken (Manualtherapie, Kinesiologie) bei Hautbefall des Gesichtes bzw. der Hände untersucht haben. In den Studien wurde zwar eine signifikante positive Veränderung festgestellt, jedoch gilt dies für die kombinierte Therapie und nicht ausschließlich für die Bindegewebsmassage. Deshalb gilt es in dieser Literaturarbeit herauszufinden, ob die Bindegewebsmassage einen Effekt auf sklerodermatische Veränderungen der systemischen Sklerodermie mit Organbeteilung hat, und dadurch der Einsatz der BGM im Rahmen der PT-Behandlung gerechtfertigt wird.

Insbesondere die lokale und reflektorische Gefäßerweiterung, die Veränderung der Gewebselastizität und die Beeinflussung des Vegetativums, werden als Wirkungen in der BgM beschrieben.

Bei einer Studie zur Untersuchung des Effektes der BgM bei Diabetes Typ II Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit, wird eine Reduktion des Gefäßwiderstandes festgestellt. Durch einen neuro-vegetalen Effekt kommt es zu einer Regulierung der Vasomotorik. Daraus lässt sich annehmen, dass auch bei sklerodermiebedingten Durchblutungsstörungen, diese Wirkungsweise in demselben Maße auftreten kann. Vor allem bei limitiertem Hautbefall wirkt ein erhöhter Blutfluss Nekrosen und Ulzera an den Extremitäten entgegen.

Die reflektorische Wirkung der BgM auf Organbefall durch die systemische Sklerodermie wurde noch nicht untersucht. Jedoch spielen in erster Linie vasomotorische Pathologien eine zentrale Rolle.

Die Bindegewebsmassage übt überdies lokal einen starken mechanischen Reiz auf das elastische und kollagene Gewebe aus. Durch die Scherkräfte werden Cross-Links in den oberen und unteren Verschiebeschichten gelöst. Die Sklerodermie setzt sich zu Beginn in der oberen Verschiebeschicht fest (zwischen Lederhaut und Unterhaut) und befällt im Laufe der Krankheit die untere Schicht (Unterhaut-Faszie). Ein positiver Effekt der BgM auf die sklerodermiebedingten Cross-Links würde eine Gewebsentspannung und zugleich Reduktion der Schmerzen bei Hautbefall bedeuten.

Die Auswirkung der neurovegetativen Veränderung durch die BgM auf Sklerodermie muss noch näher recherchiert werden. Die Immunmodulation als zentraler Pathomechanismus darf bei den Wirkungsweisen nicht außer Acht gelassen werden.

Die Anwendung der BgM bei Sklerodermie ist im Gegensatz zu anderen Interventionen vielseitig, allerdings sind die Wirkungsweisen und Effekte gleichermaßen ungewiss. Nichtsdestoweniger kann sie als PT- Intervention vor allem bei limitiertem Hautbefall als durchblutungsfördernde und mobilisierende Technik angewendet werden. Weitere Effekte werden darüber hinaus noch gründlich recherchiert.