Titelaufnahme

Titel
Rektusdiastase – Der aktuelle physiotherapeutische Wissensstand zur Rektusdiastase
Weitere Titel
Diastasis recti abdominis – The current physiotherapeutic knowledge about diastasis recti abdominis
AutorInnenSinnhuber, Andrea
GutachterStelzhammer, Christine
Erschienen2018
Datum der AbgabeJuni 2018
SpracheDeutsch
DokumenttypBachelorarbeit
Zugriffsbeschränkung
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Klassifikation
Zusammenfassung (Deutsch)

Als Rektusdiastase (RD) wird der Abstand zwischen den beiden Muskelbäuchen der Mm. recti abdominis definiert (Mota et al., 2015/2, p.60). Die Problematik betrifft vor allem Frauen in der Schwangerschaft und postpartal (Boissonnault & Blaschak, 1988, p.1084; Mota et al., 2015/1, p.202). Bei 66 % der Frauen im dritten Trimester konnte eine RD nachgewiesen werden, welche unmittelbar post partum noch bei mehr als der Hälfte bestand (Boissonnault & Blaschak, 1988, p.1085). Nicht nur Frauen leiden an einer RD, auch Männer können davon betroffen sein (Blanchard, 2005, p.54; Moesbergen et al., 2009, pp.326–327). Auf Grund der muskulären Hypotonie besteht bei Kindern mit einer Trisomie 21 häufig eine RD (Müller, 2010, p.606), ebenso wird eine Verbindung der RD und der Lipodystrophie auf Grund einer HIV-Infektion vermutet (Blanchard, 2005, p.55).

Bereits 1988 bestand die Annahme eines Zusammenhangs zwischen der RD und der Haltung (Boissonnault und Blaschak, 1988, p.1082). Gemeinsam mit dem Beckenboden und dem Zwerchfell sind die Bauchmuskeln für die vordere Stabilität der Lendenwirbelsäule verantwortlich. Müssen die schrägen Bauchmuskeln mehr arbeiten, da der M. rectus abdominis schwach ist, kann dies zu einem Nachteil für die mechanische Funktion der Wirbelsäule werden. Weiters tragen schwache Bauchmuskeln zu einer Haltungsveränderung mit schmerzhaften Folgen bei. Steigt der intraabdominelle Druck beim Husten, Niesen oder durch körperliche Anstrengung und ist ein Zusammenspiel von kräftigen Bauch-, Rücken- und Beckenbodenmuskeln nicht gegeben, so führt dies zu einer vermehrten Belastung des ohnehin schon schwachen Beckenbodens (Carrière, 2012, pp.83–84).

Aus dem Problemaufriss ergibt sich folgende Forschungsfrage:

Welche Auswirkungen hat die Rektusdiastase auf das Bewegungssystem und die Kontinenz?

Für die Beantwortung der zentralen Forschungsfrage bedarf es eines umfangreichen Hintergrundwissens zur Problematik, woraus sich folgende Unterfragen ergeben:

• Was ist eine RD? Wie entsteht sie?

• Welche Risikofaktoren gibt es?

• Welche anatomischen Strukturen sind betroffen und welche physiologischen Wirkmechanismen sind dadurch gestört?

• Welche physiotherapeutischen Untersuchungsmethoden gibt es?

• Wie kann eine RD physiotherapeutisch behandelt werden?

Die Therapeut_innen erlangen über wesentliche anatomische und physiologische Grundlagen im Bezug zur RD Kenntnis, um die daraus resultierende Problematik verstehen und die Patient_innen entsprechend aufklären zu können. Außerdem werden Methoden zur Untersuchung und Behandlung einer RD in der Physiotherapie erläutert, damit nachfolgend beschriebene Symptome und Problematiken vermieden und vermindert werden können sowie die Betroffenen mehr Lebensqualität erlangen.

Carrière (2012, pp.83–84) nennt einen pubischen Schmerz sowie einen myofaszialen Schmerz der Bauch-, Lenden- und Beckenbodenmuskeln, der vor allem dann auftritt, wenn durch Übungen der Abstand der beiden Muskelbäuche zusätzlich vergrößert wird. Ein Zusammenhang zwischen der RD und Schmerzen im Bauch- und Beckenbereich wurde von Millar (2009, p.20) bestätigt.

Spitznagle et al. (2007, p.324) haben bei Frauen, die eine urogynäkologische Ambulanz auf Grund von myofaszialen Beckenschmerzen, Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz oder eines Beckenorganprolapses aufsuchten, die Präsenz einer RD geprüft und konnten diese bei mehr als 50 % nachweisen.

Liaw et al. (2011, pp.439–440) bestätigten, dass Frauen sechs Monate postpartal einen vergrößerten Abstand zwischen den beiden Muskelbäuchen sowie weniger Bauchmuskelfunktion im Vergleich zur Kontrollgruppe haben und dass ein Zusammenhang zwischen der Weite der RD und der Bauchmuskelfunktion besteht.

Untersucht und diagnostiziert werden kann die RD von Physiotherapeut_innen mittels Palpation, Messschieber und Ultraschall (Mota et al., 2013, pp.294–295). Die Ausgangsstellung ist die Rückenlage mit aufgestellten Beinen in 90° Knieflexion und neben dem Körper abgelegten Armen. Der/Die Patient_in bekommt für die Messung der RD dann den Auftrag den Kopf und die Schulterblätter langsam abzuheben (Boxer & Jones, 1997, p.110; Chiarello & McAuley, 2013, p.497; Mota et al., 2012, p.941; Mota et al., 2013, p.296). Limitierend ist bei der Untersuchung der Mangel an international festgelegten Normwerten und Messpositionen entlang der Linea alba (Mota et al., 2015/2, p.63).

Ein Training, welches die Kräftigung der ventralen Rumpfmuskulatur beinhaltet, kann eine bestehende RD reduzieren (Kamel & Yousif, 2017, p.470; El-Mekawy et al., 2013, p.78). Vor allem mit „Crunches“ kann eine Verminderung der RD erreicht werden (Mota et al., 2015/3, pp.10–11, 15; Sancho et al., 2015, p.288). Das Durchführen einer neuromuskuläre Elektrostimulation vor dem Training kann die Reduktion einer RD noch zusätzlich unterstützen (Kamel & Yousif, 2017, p.470). Auch ein Bauchgurt kann die RD, jedoch mit geringerem Erfolg als das Übungsprogramm, reduzieren (El-Mekawy et al., 2013, p.79).